Berliner Morgenpost
29 September 2007
Schreiadler Sigmar zu Hause gelandet
Auf Malta angeschossener Vogel aus Brandenburg an der FU-Tierklinik untersucht - Bein verletzt

Gerade noch in einer Holzkiste über dem Mittelmeer, dann schon auf dem Untersuchungstisch der Veterinärmedizinischen Abteilung
der FU Berlin: Der angeschossene Schreiadler Sigmar hält ganz still, als er abgetastet wird
Foto: dpa
Potsdam/Berlin - Um 23.42 Uhr am Donnerstag landete die Maschine der Fluggesellschaft Air Malta am Frankfurter Flughafen,
mit rund einer Stunde Verspätung. An Bord hatte die Mannschaft eine ebenso kostbare wie ungewöhnliche Fracht: In einer Holzkiste
mit Luftlöchern und der Aufschrift "Receiver: Federal State of Brandenburg" hackte Passagier Sigmar schon unruhig
gegen seine enge Behausung.
Nach einer weiteren Stunde, in der offizielle Papiere ausgefüllt werden mussten, konnte der verletzte Schreiadler endlich
von Tierschützern des "Komitees gegen den Vogelmord" aus Bonn in Empfang genommen werden. Noch in der Nacht ging
es per Auto weiter nach Berlin, wo am Freitagmorgen etliche Kamerateams, mehrere Pfleger und die Oberärztin der Kleintierklinik
der Freien Universität Berlin, Dr. Kerstin Müller (36), auf Sigmar und seine Begleiter warteten.
Erste Untersuchungen zeigten: In Sigmars Körper stecken insgesamt sechs Schrotprojektile, eines davon zerschmetterte sein
linkes Bein, ein anderes drang in das linke Schlüsselbein ein. Das Bein muss nun geschient werden. Ob operiert wird oder ob
das zu gefährlich wäre und der Schrot im Körper bleibt, wird in den nächsten Tagen entschieden. Insgesamt aber habe Sigmar
"eine gute Kondition", stellte Oberärztin Dr. Müller fest.
Der knapp drei Monate alte Schreiadler war am vergangenen Sonntag auf seinem Zug nach Afrika von illegalen Vogeljägern
über der Mittelmeerinsel Malta angeschossen worden (wir berichteten). Eine Spaziergängerin hatte den verletzten Vogel gefunden
und die maltesische Umweltpolizei gerufen, die Sigmar in eine Pflegestation des örtlichen Tierschutzvereins brachte. Schnell
wurde klar, dass das gekennzeichnete Tier aus dem Artenschutzprogramm Adler in Brandenburg stammt.
In ganz Deutschland gibt es nur noch etwa 100 dieser Tiere. Schreiadler brüten meist ohnehin nur zwei Eier aus, dazu tötet
das stärkere Junge dann auch noch das schwächere. Sigmar ist eines von zehn Jungen des Programms, die in der Uckermark von
Menschenhand aufgezogen wurden und deshalb überlebten. Dass die Wilderer ausgerechnet auf das Wappentier der Mark schossen,
hatte in Sigmars Heimat große Empörung ausgelöst. Das Umweltministerium in Potsdam hatte in den vergangenen Tagen gegen die
unkontrollierte Vogeljagd auf Malta protestiert, die maltesische Regierung reagierte mit Bedauern.
Dank der schnellen Reaktion der Spaziergängerin, der Tierschützer und der Air Malta, die den brandenburgischen Vogel kostenlos
in seine deutsche Heimat flog, wird Sigmar vermutlich wieder gesunden und vielleicht sogar wie andere seiner Art 25 Jahre
alt werden. Frühestens in ein paar Monaten kann er wieder ausgewildert werden. Bis dahin ist Sigmar in guter Nachbarschaft:
ein Mäuse-, ein Wespenbussard und ein Graupapagei sind auch gerade Patienten der FU-Tierklinik.
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